Von Abu Bakr Rieger, Berlin
(iz)Nach verbreiteter Auffassung wird das neue Jahrhundert weniger ein politisches Zeitalter sein, sondern eine geschichtliche Phase, die von religiösen und ökonomischen Fragestellungen beherrscht wird. Der Krieg, nach Heraklit der Vater aller Dinge, wird in den letzten Jahrzehnten daher auch zum Krieg um Ressourcen und wirtschaftlichen Einfluss. Die neuen Schlagadern der Weltwirtschaft, Pipelines und Versorgungswege, können nicht mehr national, sondern müssen global verteidigt werden. Die Renaissance der Geopolitik ist heute in erster Linie im Zusammenhang mit dem Denken in Wirtschaftsräumen und ihrer jeweiligen Versorgung zu verstehen.
Allerdings werden die Muslime, eigentlich von Natur aus mit einiger ökonomischer Macht ausgestattet und tragischerweise in großer Zahl auf den Ölfeldern der Welt zu Hause, in der Öffentlichkeit nach wie vor und in erster Linie dem politischen Feld zugeordnet. Muslime sind seit Jahrzehnten in die alten Kämpfe um Nationalstaaten involviert. Neuerdings ist die Wahrnehmung des Phänomens Islam durch die radikalste Möglichkeit des Politischen geprägt, den Terrorismus, während die ökonomische und soziale Formensprache des Islam eher unbekannt bleibt. Zudem haben die islamischen Organisationen in Europa sich bisher weniger durch Stiftungen oder nützliche kommunale Einrichtungen einen Namen gemacht. Sie sind als Vereine, Parteien oder Bewegungen, die zentrale Macht ausüben und anstreben, in Ausdruck und Wirkung ganz im Politischen verortet. Islamische Staaten wiederum sind, wenn man die Wirtschaftsverfassung der Länder studiert, in keiner Weise religiös, sondern ganz nach westlichem Vorbild erschaffen.
„Geld ist das Brecheisen der Macht“ hat der Philosoph Helmuth Pleßner einmal gesagt. Dieser säkulare Glaubenssatz steht dem islamischen Glauben, dass alle „Macht“ bei Allah ist, natürlich frontal entgegen. Dennoch macht der Einfluss des modernen Geldes sich auch im Denken der Muslime bemerkbar. Macht ist heute, wenn man es ganz banal und eben ganz weltlich ausdrücken will, weniger durch die Größe der Armeen bestimmt, als durch die Kapazität, Geld einen bestimmten Wert zu geben, symbolisiert. Diese menschliche Fähigkeit wird heute durch die Schaffung titanischer Geldbestände ins beinahe Grenzenlose entscheidend dynamisiert. Wer kein Geld hat, fühlt sich ohnmächtig.
Die, so gesehen, Supermacht USA entledigte sich 1971 mit der Abschaffung der Goldbindung einengender finanzieller Verpflichtungen. Es war ein genialer finanztechnischer Trick zur Entschuldung des amerikanischen Staates und seiner Banken.
Aufklärung, das Ergebnis gesteigerter Rationalität und Vernunft, hat das ökonomische Feld bisher ausgenommen. In der Ökonomie, speziell in der Finanzpolitik, gibt es keine Vernunft. Die zig Billionen Dollar in der Welt repräsentieren überhaupt keine bestimmte Wertmasse mehr. Waren und Leistungen, die für dieses Geld einmal erworben bzw. verkauft wurden, sind längst verbraucht. Und wer dieses Geld heute besitzt, hat nur noch „Ansprüche“ in der Hand. Es gehört zur Ironie der Geschichte, dass auch die schärfsten Feinde Amerikas, man denke nur an die Verteilung von Gaben durch die Hizbollah, in tiefer Gläubigkeit an den Wert des Papiers, amerikanische Dollars an die eigenen Glaubensbrüder verteilen. Sie haben nun, paradoxerweise, einen Anspruch gegenüber den amerikanischen, nicht etwa den iranischen Banken.
Das Primat des Ökonomischen zwingt praktische jede Weltanschauung, wenn sie wirklich relevant sein will, zu einer ökonomischen Lehre oder Position. Das tiefere Verhältnis des Islam zur Ökonomie ist dabei heute eher unbekannt, unter anderem auch deswegen, weil der politische Islam, auch der politisch korrekte Islam, kaum eine Position zur Globalisierung oder zu den dringendsten Fragen dieser Zeit eingenommen hat. Das wundert zunächst. Im Koran gibt es weitaus konkretere Aussagen zur ökonomischen, als im Vergleich, zur politischen Ordnung. In der Sura Al-Baqara (2, 275) findet sich zum Beispiel ein Schlüsselayat: „Allah hat den Handel erlaubt und das Zinsnehmen verboten“.
Das intensive Nachdenken über ökonomische Zusammenhänge hat im Islam Tradition. Viele Rechtsbücher des Islam behandeln in weitaus größerem Umfang ökonomische, als politische Probleme. Die verschiedenen kommerziellen Vertragsarten werden im Islam als ein integrierter und wichtiger Teil der Religionsausübung aufgefasst. Nicht vergessen sollte man hier natürlich auch den berühmten Umstand, dass der Prophet des Islam selbst ein Händler war. Jahrhundertelang war die Freiheit der Handelswege den Muslimen wichtiger als die territoriale Raumbeherrschung. Nation, Raum und Rasse als Subjekt und Objekt des Politischen sind für den Islam späte und lange Zeit unbekannte Kategorien. Schon deswegen kann der Islam auch kaum als prinzipiell „globalisierungskritisch“ eingeordnet werden, da der Islam ja gerade über Jahrhunderte entscheidend die ökonomische Globalisierung vorangetrieben hat.
Es gibt also im Islam weniger eine pauschale Kritik an der Globalisierung, als vielmehr eine Sorge um die Zugänglichkeit der Märkte und die Authentizität der Währungen. Das islamische Recht sieht insoweit die politische Tendenz, genau diese Freiheiten in Frage zu stellen, insbesondere den Marktzugang zu erschweren oder wertlose Währungen zu produzieren, als ernste Gefahr für jedes Gemeinwesen an. Das ist übrigens nicht nur im Islam so und findet sich auch als Grundüberzeugung im frühen christlichen Denken oder in den politischen Werken des Aristoteles.
Was sich heute in Europa „freier Markt“ nennt, ist in großen Teilen, wenn man ehrlich ist, nur noch monopolisierte Distribution. Im islamischen Recht ist die Freiheit des Marktes einer der wichtigsten Gesichtspunkte. Dem Ideal nach sollte jeder Mann und jede Frau am Markt - ohne Taxierung - teilnehmen können und diese Fläche auch immer wieder geräumt werden, um das Entstehen von Supermärkten und monopolisierter Distribution zu verhindern. Im ökonomischen Feld könnten Muslime in der Gestaltung bundesrepublikanischer Ordnung einiges mitreden. Sie können - ganz gemäß unserer Verfassung, für die Freiheit des Marktes, aber, im Gegensatz zum Kommunismus, auch für das private Eigentum einstehen, wenngleich das soziale Eigentum, die Stiftungen, im Islam den höchsten Rang hat.
Das Verhältnis der Muslime zur globalisierungskritischen Bewegung wird neuerdings, wenn auch unter recht einseitigen Vorzeichen, diskutiert. Die politische Forderung nach Gerechtigkeit und Solidarität, im Islam als Zakatnahme im Status einer Säule, wird dabei zu Recht immer wieder angeführt. Wie steht es also mit den Linken, den Globalisierungskritikern und dem Islam? Reflektionen zu diesem Thema sind bisher eher oberflächlich. Olivier Roy sieht in seinem neuen Buch „Der islamische Weg nach Westen“ die muslimischen Missionare des Terrorismus, in Anspielung an den Links-Terrorismus, gar schon in der Nachfolge der Ultralinken und Dritte-Welt-Bewegungen im städtischen Milieu: „Al Qaida hat eindeutig einen bestehenden Raum von Anti-Imperialismus und Protest besetzt. (…) Al Qaida steht in der Nachfolge der ultralinken und Dritte-Welt-Bewegungen der siebziger Jahre. Soweit die extreme Linke in Europa noch existiert, tritt sie in desolaten Wohnsiedlungen und heruntergekommenen Innenstädten nicht mehr in Erscheinung. Die islamistischen Prediger haben die ultralinken Militanten und die Sozialarbeiter abgelöst. Viele junge Leute in solchen Stadtvierteln finden im radikalen Islam eine Möglichkeit, ihr Gefühl der Entwurzelung und des Ausgeschlossenseins auszudrücken und zu verstehen. Viele radikale Prediger mischen Koranzitate mit marxistisch klingenden Sätzen.”
Die grobe Einordnung des ökonomischen Ansatzes des Islam unter dem Stichwort „Islamismus“ oder gar „Terrorismus“ , der immer auch „Antisemitismus“ sein soll, greift zu kurz. Wer so simpel denkt, muss eigentlich auch die Jahrhunderte islamischer Geschichte und ihrer ökonomischen Ordnung als „Islamismus“ deuten und verdammen. Man muss andererseits auch anmerken, dass der modernistische, radikale und politische Islam überhaupt keine - für Europäer nachvollziehbare und rationale - „ökonomische Kritik“ bisher anzubieten hat. Ganz zu schweigen, dass die politische Bewegung und ihre jugendliche Nachfolgeschaft wohl nicht einmal über ein Basiswissen, das islamische Recht in diesem Bereich betreffend, verfügt. In konservativen Medien taucht allerdings in letzter Zeit des öfteren der Versuch auf, Globalisierungskritik, linkes Denken und radikalen Islam in die gleiche Schublade des Antisemitismus und der Gewaltbereitschaft zusammenzufassen. Im Ergebnis ist dann jede Kritik an der neuen Radikalität des Kapitalismus, nach der genannten Lesart nicht nur grundsätzlich auch eine Verschwörungstheorie, sondern irgendwie immer denunzierbar. Wobei man natürlich zugeben muss, dass es im Milieu islamischer Ideologen solche Verschwörungstheorien, die den weltumfassenden Strukturalismus des Kapitalismus missdeuten oder eben gar nicht verstehen, tatsächlich immer wieder gibt.
Die Lage ist aus islamischer Sicht komplex. Die im Islam verbotenen Praktiken, sei es Zinsnahme oder die Etablierung inflationärer Währungen, bis hin zum neuen Glauben an die Mechanismen des Kapitalismus überhaupt, der nach Benjamin inzwischen selbst eine Religion geworden ist, haben heute natürlich auch längst Muslime ergriffen. Die großen Metropolen des Kapitalismus finden sich heute in der islamischen Welt. Im Gegensatz zum Westen gibt es aber kaum eine selbstkritische Reflektion über die eigene Rolle im globalen Kapitalismus. In den globalisierungskritischen Bewegungen spielen Muslime, zumindest inhaltlich, bisher kaum eine Rolle.
Natürlich gibt es wichtige Schnittmengen mit linker Globalisierungskritik. Einer der Wortführer der neuen Linken, Oskar Lafontaine, hat es sich geleistet, den Islam einmal nicht aus der potentiellen politischen Gegnerschaft heraus zu beleuchten, sondern aus möglichen Gemeinsamkeiten heraus. Einen solchen positiven Ansatz findet man in der heutigen Politik selten und der Denkansatz Lafontaines, der die Gegnerschaft zur Gewinnung der eigenen Identität nicht nötig hat, klingt dann auch durchaus souverän. So liest man in einem Interview mit dem Ex-Finanzminister im „Neuen Deutschland“: „Es gibt Schnittmengen zwischen linker Politik und islamischer Religion: Der Islam setzt auf die Gemeinschaft, damit steht er im Widerspruch zum übersteigerten Individualismus, dessen Konzeption im Westen zu scheitern droht. Der zweite Berührungspunkt ist, dass der gläubige Muslim verpflichtet ist zu teilen.“
Im gleichen Interview zeigt Lafontaine dann intellektuelles Niveau und fachspezifische Sachkenntnisse über einen der wichtigsten Bedeutungszusammenhänge zwischen Islam, Offenbarung und der modernen Ökonomie:
„Im Islam spielt das Zinsverbot noch eine Rolle, wie früher auch im Christentum. In einer Zeit, in der ganze Volkswirtschaften in die Krise stürzen, weil die Renditevorstellungen völlig absurd geworden sind, gibt es Grund für einen von der Linken zu führenden Dialog mit der islamisch geprägten Welt.“
Dieser Dialog tut angesichts der drohenden Zerstörung der Schöpfung mit allen, die darüber nachdenken, not. Bei allen Gemeinsamkeiten der Analyse wird sich dabei ein wesentlicher Unterschied kaum verbergen lassen. Der Islam glaubt nicht, dass man die notwendige Begrenzung ökonomischer Möglichkeiten organisieren kann. Dazu hat der moderne Mensch gar nicht die Macht, oder - wie viele Frustrierte meinen, eben nicht das Geld. Gerade in diesem Jahrhundert wird deutlich, dass der Machtverlust des Politischen mit der Verselbständigung ökonomischer Dynamik einher geht. Hier besteht aber auch ein wesentlicher Unterschied zur islamistischen Ideologie, die glaubt, sich politisch ermächtigen und dann die Welt gestalten zu können. Die Begrenzung der ökonomischen Macht ist aus islamischer Sicht eine Sache des Rechts und dem Menschen schon immer offenbart.
Quelle: Islamische Zeitung
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