Nach einer überlieferten Aussage des Propheten Muhammad, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden schenken, kommen neun Zehntel von Allahs Versorgung eines Menschen aus dem Handel. Muslimische Händler hatten in der Geschichte immer einen fast schon legendären Ruf. In dem zwar kulturell bunten, aber doch in der islamischen Lebenspraxis geeinten riesigen Raum von Andalusien und dem Maghreb bis Zentralasien, von Westafrika bis Indonesien blühte der Handel über Jahrhunderte wie in einer riesigen Freihandelszone. Es ist bekannt, dass der Islam in vielen Regionen durch muslimische Händler verbreitet wurde, die nicht zuletzt durch ihre fairen Handelspraktiken vorbildliche Botschafter des Islam waren. Europa war damals fasziniert vom Reichtum und der Vielfalt der islamischen Welt gerade auch im ökonomischen Bereich, und importierte verschiedene Güter, wobei der Mittelmeerhandel eine wichtige Rolle spielte.
Heute haben sich die Verhältnisse gewandelt. Vom Reichtum durch Öl in einigen Regionen abgesehen, wird der Handel spätestens seit der Kolonialzeit von den westlichen Industrieländern dominiert, und die muslimische Welt ist weitgehend in ökonomische Abhängigkeit von diesen geraten. Im Zuge der Gründung säkularer oder teilsäkularer Nationalstaaten sowie moderner Interpretationen des Islam, die eher auf eine Anpassung an die von nichtmuslimischen Staaten bestimmten Verhältnisse abzielen, ist der große ökonomische Bereich des islamischen Rechts weitgehend ins Abseits geraten und häufig auch aus dem Bewusstsein der Muslime beinahe verschwunden. Viele wissen nur noch, dass Zinsen verboten sind. Heute ist auch die islamische Welt Teil des weltweiten ökonomischen Systems und hat dessen Spielregeln weitgehend übernommen.
Global ist heute der freie Handel auf dem Rückzug gegenüber einer mehr und mehr monopolisierten Distribution, die mehr einer Warenausgabe gleicht und die in der Hand von immer weniger Unternehmen liegt, die durch Übernahme anderer Unternehmen sich weiter monopolisiert. Im deutschen Straßenbild ist dies klar zu sehen an der zunehmenden Dominanz überregionaler Ketten gegenüber dem einzelnen Geschäftsmann - sei es bei Bekleidung, Schuhen, Bäckereien, oder Cafés: Überall kann man heute in Filialen der jeweiligen Ketten kaufen. In den 70er und 80er Jahren, als dieser Prozess sich durchzusetzen begann, wurde er symbolisiert durch das Verschwinden der „Tante-Emma-Läden“ zugunsten der Supermarktketten. Kleine Händler haben auf diesem Markt immer weniger Chancen, sich zu behaupten, es bestehen sehr ungleiche Voraussetzungen.
Islamische Handelsregeln
Nach dem frühen islamischen Verständnis, wie es zur Zeit des Gesandten Allahs und der nachfolgenden Generationen in Medina herrschte, sind Märkte freie und offene Räume, bei denen es - wie in den Moscheen für die Betenden - kein Anrecht der Händler auf einen bestimmten, festen Standplatz gibt (also auch keine Reservierungen) und keine Standplatzgebühren. Märkte sind kein privater Besitz von irgendjemandem, und sie dürfen auch nicht besteuert werden. Auch durften entsprechend einer Anweisung des Propheten keine festen Läden darauf gebaut werden. Die späteren Suqs oder Basare in den islamischen Städten mit ihren festen, dauerhaften Ladengeschäften entsprechen daher bereits nicht mehr der ursprünglichen Form des islamischen Marktes; eher schon die unter freiem Himmel abgehaltenen Märkte, wie sie gerade in den ländlichen Bereichen an bestimmten Tagen stattfanden und von einem bestimmten Stamm oder den Stämmen der Umgebung aufgesucht wurden, und die es auch heute noch gibt. Die Märkte waren im Islam schon immer Orte der Begegnung und des Austausches zwischen Händlern und zwischen Kunden und Händlern - nicht nur des materiellen, sondern auch des geistigen, und es waren und sind die Orte, an denen die neuesten Nachrichten ausgetauscht werden. Jeder kann teilnehmen, solange er bestimmte Grundregeln einhält.
Es gibt einige grundlegende Regeln für erlaubten Handel im Islam, die auf die Praxis des Propheten zurückgehen. Prinzipiell sind alle Arten des Warenaustauschs erlaubt, solange sie nicht die folgenden Dinge beinhalten:
• Verbotene Dinge (zum Beispiel Alkohol, Schweinefleisch)
• Wucher (jeglicher Zuwachs ohne korrespondierenden Gegenwert)
• Unsicherheit (zum Beispiel der Verkauf von Weizen, bevor er geerntet wurde, oder von Fisch, bevor dieser überhaupt gefangen wurde)
• Betrug, Täuschung (etwa höhere Preise von Reisenden zu verlangen, denen die örtlichen Preise nicht bekannt sind)
• Erpressung (wie Manipulation der Marktbedingungen, Monopolismus oder auch Monopson, also Nachfragemonopol, das heißt dass nur ein Nachfrager mehreren Anbietern gegenübersteht)
Younes Mahi vom Kölner „Tanger Markt“, der sich auf marokkanische und arabische Produkte spezialisiert hat und auch frisches Halal-Fleisch anbietet, beschreibt die Herangehensweise der Inhaber, die sich als bewusste Muslime verstehen: „Ob wir in unserem Geschäft handeln, oder etwas anderes machen, wir sind zu jeder Zeit Muslime. Beim Handel ist für uns die Halal-Frage wichtig, aber auch das Verhalten gegenüber dem Kunden. Wir haben nicht nur ein Geschäft, sondern sind auch ein sozialer Treffpunkt für viele Kunden, die zu uns kommen. Der Prozess des Handelns besteht aus mehreren Aspekten, wobei der Mensch im Mittelpunkt steht. Das Geld und die Ware sind auch Teile davon, aber nicht die wichtigsten. Als Muslim arbeitet man mit seiner ganzen Persönlichkeit, egal welchen Beruf man ausübt, und das kommt bei den Kunden auch ’rüber.“ Vor allem bei Fleisch stehe für den Tanger Markt die Qualität im Vordergrund und dass es wirklich halal sei, auch wenn der Preis dafür etwas höher ist. Dazu gehöre auch der persönliche Kontakt zum Lieferanten. Auch die anderen Waren im Sortiment würden sorgfältig ausgewählt. Dies werde von den Kunden auch honoriert, die sowohl die Produkte als auch das soziale Verhalten im Geschäft lobten.
Freie Märkte als Chance
In jüngerer Zeit haben einige Muslime in europäischen Ländern sich vorgenommen, Märkte nach dem authentischen islamischen Vorbild wiederzubeleben und damit sowohl eine ökonomische Alternative als auch eine positive soziale Komponente anzubieten, die für Muslime und Nichtmuslime gleichermaßen Nutzen bringend sein kann. Ein Beispiel dafür ist der kürzlich stattgefundene Markt in Köln (siehe an anderer Stelle in dieser Ausgabe), aber auch ähnliche Projekte etwa in Großbritannien oder Portugal. Das positive Potenzial eines solchen muslimischen Marktes erklärt eine Beteiligter wie folgt: „Muslimische Märkte können heute ungenutzte Orte in unseren Städten, etwa leere Plätze, auf denen es früher schon einmal Märkte gab, wieder mit Leben füllen und einen Beitrag zu mehr Lebensqualität in unseren Städten leisten. Als muslimische Organisatoren können wir damit viel mehr Menschen erreichen und sie auf angenehme und nützliche Art kennen lernen als in Moscheen oder islamischen Zentren, trotz Tagen der offenen Tür und ähnlichem. Wenn die Leute nicht zu uns kommen, müssen wir zu ihnen gehen.“
Was einen solchen Markt von anderen ähnlichen Märkten, die es hierzulande ja nicht gerade wenige gibt, unterscheidet, ist, dass es hier nicht primär um Geld und Profit geht, sondern um mehr. Idealerweise müssen die Händler bei einem muslimischen Markt keine Gebühren zahlen. Wenn der Markt an einer Moschee stattfindet oder auf dem Markt der Gebetsruf ausgerufen und gebetet wird, merken auch die Besucher spätestens zu den Gebetszeiten das „Islamische“ eines solchen Marktes. Ein Beiprogramm, etwa ein Begegnungszelt, Angebote für Kinder, die von Musliminnen geleitet werden, oder ein ausgewähltes Musikprogramm können ebenfalls dazu beitragen. Nichtmuslime können hier erleben, dass Muslime sich einmal in dieser Art, mit einem lebenslustigen Markt, präsentieren und in die Gesellschaft einbringen, anstatt in ihren Moscheen und Zentren zu verbleiben. Wichtig ist dabei, möglichst hochwertige Qualitätsware anzubieten, sei es Kunsthandwerk, Kleidung oder Lebensmittel. Man sollte zeigen, dass Islam Qualität bedeutet und nicht mit Ramsch in Verbindung gebracht wird.
Muslime, etwa Moscheegemeinden oder auch private Initiativen, könnten einen solchen lebenslustigen Markt als interessantes Projekt entdecken, um mit ihrer Umgebung in einen Austausch zu gelangen und eine ganz neue Art von Öffentlichkeitsarbeit zu versuchen. Denn im Gegensatz zu Vorträgen, Podiumsgesprächen oder Talkshows ist der Markt etwas entwaffnend einfaches, etwas ganz elementares. Es gibt keine Debatte, sondern man begegnet sich auf eine andere, umfassendere Weise. „Alles, was Menschen einem sagen, kann schnell in Vergessenheit geraten. Wenn jemand dir ein Stück Brot gibt, eine Mahlzeit, etwas zu trinken oder eine Übernachtungsmöglichkeit, das hält sehr lange vor und wird vielleicht nie vergessen. Dies sind existenzielle Dinge“, hat ein Freund es kürzlich mir gegenüber in Worte gefasst.
Und schließlich heißt es in dem Hadith vom Propheten „die Hand die gibt, ist über der Hand, die nimmt“. Muslime sollten in dieser Gesellschaft von der nehmenden zur gebenden Hand werden. Das Einkaufen auf einem Markt, wo man auch mit dem Händler sprechen kann, ist eine ganz andere Erfahrung, als in einem leblosen Supermarkt am Rande der Stadt mit einer gestressten Angestellten, die die Regale einräumt. Es ist ein viel angenehmeres, menschlicheres Einkaufen. Offene Märkte könnten auch ein Mittel gegen Arbeitslosigkeit und soziale Verödung sein, angesichts der heutigen Lage, dass die Gewinne nur von wenigen Konzernen eingezogen werden anstatt von vielen kleinen Händlern. Als Alternative zu den monopolistischen Distributionsstrukturen wären Genossenschaften oder Gilden von Händlern - auch eine Institution, die im Islam eine alte Tradition hat - sinnvoll, die offene Vertriebsnetzwerke bilden können.
Quelle: Islamische Zeitung
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